Informationsdesign

Interview mit Prof. Dr. Kim Albrecht
Kim Albrecht ist seit Januar 2025 Professor für Informationsdesign im Fachbereich Gestaltung an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Im Interview spricht er über seine Entscheidung für die Folkwang, seinem positiven ersten Eindruck, seine Lehrphilosophie zwischen Experiment und kritischer Technologiepraxis, seinen ungewöhnlichen Werdegang an der Schnittstelle von Design und Wissenschaft sowie über aktuelle Forschungsprojekte, die sich mit KI-Wissensstrukturen und der Sichtbarmachung digitaler Datenökonomien befassen.

Was hat dich bewegt die Professur an der Folkwang anzutreten?

Mich hat vor allem die Struktur des Studiengangs überzeugt: die drei Säulen Text, Bild und Code. Diese klare Aufteilung zeigt, dass an der Folkwang ein sehr zukunftsweisendes Verständnis von Gestaltung gelebt wird. Dazu kommt die exzellente Ausstattung – die Werkstätten sind herausragend und ein Kollegium, das Lust auf Zusammenarbeit hat.

Ich empfinde die Folkwang als eine der spannendsten Kunsthochschulen in Deutschland. Besonders reizvoll finde ich auch die Durchlässigkeit zwischen den Bereichen Intermediale Gestaltung, Fotografie und Produktdesign. Gerade in der Verschränkung dieser Felder liegt ein enormes Potenzial für die Zukunft. Der Folkwang-Gedanke, also die Verbindung der Künste, in der Gestaltung aber auch darüber hinaus ist mir ebenso wichtig.

Was war dein erster Eindruck von der Folkwang?

Seit beinahe einem Jahr bin ich nun hier und mein Eindruck ist sehr positiv. Die Ressourcen sind stark, die Werkstätten fantastisch, und ich habe tolle Kolleg*innen und Studierende. Ich sehe viel Raum für Neues, für Umgestaltungen, für Experimente. Was es bedeutet Gestalter*in zu sein befindet sich im Umbruch und es ist großartig an diesen Veränderungen mitwirken zu können.

Zu Beginn des Wintersemesters habe ich mit dem Folkwang Institut für Pop an einem KI-Workshop zusammen gearbeitet. Wir starten zudem derzeit ein großes Forschungsprojekt welches über vier bis sechs Jahre laufen wird mit dem Titel Multisensory in Dialogue and Artistic Practice (MIDAP). Das ganze ist ein Forschungsprojekt der beiden größten Universitäten der Künste in Deutschland (Berlin und Essen) über und für die Zukunft künstlerischer Lehre im digitalen Zeitalter.

 

Was für Kurse bietest du an?

Zum Semesterstart habe ich einen einwöchigen Workshop mit dem Titel My AI is Better than Yours gegeben. Es ging darum, die Frage zu stellen, was es bedeutet, Gestalter*in im Zeitalter nicht-menschlicher Intelligenzen zu sein. Daneben gibt es meinen Kurs Experimente im Informationsdesign, in dem wir Grundlagen erarbeiten und praktisch austesten – von Visualisierung über Sonifizierung bis hin zur Verkörperlichung von Daten. Ergänzt wird das Ganze durch das Informationsdesign Open Studio, wo Studierende eigene Projekte entwickeln oder weiterführen können.

Was möchtest du den Studierenden im Kontext der Projekte vermitteln?

Mir ist wichtig, dass wir kritisch mit Technologie umgehen. Neue Werkzeuge bringen neue Möglichkeiten, aber auch die Notwendigkeit, unsere Methoden zu hinterfragen. Manche Dinge bleiben grundlegend: Gestalten und Reflektieren. Die Frage, warum ich mich für etwas entscheide – und damit gegen alle anderen Möglichkeiten – ist eine die sich ChatGPT nicht stellt, jedoch dringender den je ist. Im Grunde ist genau das Gestaltung. Gestaltung ist immer auch eine Entscheidung darüber, was erfahrbar wird und was nicht.

Wie vermittelst du deine Lehrinhalte? Hast du bestimmte Methoden?

Ich versuche Räume zu schaffen, in denen man Dinge ausprobiert. Es geht ums eigene Erfahren und dann ums gemeinsame Reflektieren. Theorie und Praxis spielen dabei eng zusammen: Texte lesen, verstehen, diskutieren und anschließend in der Praxis anwenden. Diese Bewegung zwischen Denken und Gestalten ist für mich zentral.

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Magst du etwas zu deinem Hintergrund erzählen?

Ich habe Kommunikationsdesign im Bachelor und Interface Design im Master studiert. Schon damals hat mich die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Design fasziniert. Danach habe ich drei Jahre im Physiklabor von Albert-László Barabási in den USA gearbeitet – als einziger Nicht-Doktorand in einem Team von 30 Wissenschaftler*innen. Danach habe ich in Potsdam in Philosophie promoviert und parallel als leitender Forscher am metaLAB an der Harvard University gearbeitet und geforscht, hieraus habe ich das metaLAB Berlin an der FU Berlin mitbegründet. Danach folgte meine erste Professur an der Filmuniversität Babelsberg, bevor ich nach Essen an die Folkwang kam.

Was sind deine fachlichen Schwerpunkte?

Informationsdesign ist für mich weniger ein festes Feld als eine Methode, die sich auf ganz unterschiedliche Bereiche anwenden lässt – Wissenschaft, Journalismus, Kunst, Start-ups, Technologieunternehmen. Informationsdesign ist ein universelles Werkzeug, um die Welt zu erfahren.

Woran arbeitest du aktuell? Was war dein letztes Projekt?

Mein Projekt Artificial Worldviews untersucht, wie Systeme wie ChatGPT Wissen strukturieren. Ich habe tausende algorithmische Unterhaltungen geführt und daraus Karten erstellt, die diese Strukturen sichtbar machen. Mich interessiert: Wie kann man diese Systeme lesbar machen, obwohl sie oft als „Blackbox“ beschrieben werden? Aktuell arbeite ich an einem Projekt über Data Brokers – Firmen, die unsere Daten in Millisekunden handeln, ohne dass wir es merken. Mit meiner Arbeit versuche ich, diese unsichtbare Infrastruktur sichtbar zu machen und fragwürdige Praktiken offenzulegen.

Das Interview führte Sophia Stenzel.
Bilder von Kim Albrecht.

Weiterführende Links:
kimalbrecht.com
www.databased.design

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Universität der Künste