Visuelle Identitäten

Interview mit Gastprof. Stefan Guzy
Nach Stationen an unterschiedlichsten Kunsthochschulen hat Stefan Guzy an der Folkwang genau das gefunden, was ihn reizt: Raum für offene, zeitgenössische Lehre in der visuellen Kommunikation. Die Gastprofessur versteht er als Experimentierfeld mit echten Projekten, interdisziplinären Formaten und Studierenden, die Lust haben, Dinge auszuprobieren. Sein Fazit nach dem zweiten Semester fällt eindeutig aus: gute Arbeiten, viel Austausch und spürbare Begeisterung auf beiden Seiten.

Was hat dich dazu bewegt, die Gastprofessur anzutreten?

Stefan hat bereits an verschiedenen Kunsthochschulen gelehrt. Die Folkwang sticht dabei für ihn heraus, da sie einen spannenden Ruf durch ihre Angebote hat. Er hat Lust, das was er sich unter moderner zeitgenössischer Lehre für die visuelle Kommunikation vorstellt an der Folkwang auszuprobieren. Dabei muss er anmerken, dass er bereits ein sehr schönes Semester hatte. Es sind gute Projekte zustande gekommen, die ihm sehr Spaß gemacht haben. Den Studierenden habe es auch gefallen.

Was war denn dein erster Eindruck von der Folkwang?

Generell sind Hochschullandschaften natürlich sehr unterschiedlich. Man kann Gestaltung an Kunsthochschulen lernen, aber natürlich auch an Fachhochschulen und Privatschulen. Stefan hat die ganze Bandbreite bereits mitgenommen und konnte vor seiner Gastprofessur die Folkwang bereits durch einen Siebdruck-Workshop mit Thomas Kühnen kennenlernen. Dementsprechend kannte er das Gebäude schon. Er findet die Zeche Zollverein bietet ein sehr spannendes Gelände, auch wenn ein peripherer Ort immer gewisse Herausforderungen mit sich bringt. Letztendlich sind laut Stefan die Menschen aber entscheidend und nicht das Gebäude. Man merkt natürlich, dass es ein neues Haus ist. Eine Kunsthochschule darf ruhig benutzt aussehen – das entwickelt sich mit der Zeit, wenn Spuren von Projekten sichtbar werden.

Welche Kurse und Projekte hast du angeboten?

Im Wintersemester 2025 bietet Stefan ein Lehrangebot, das bewusst offen und experimentell angelegt ist. In einem Kurs für Masterstudierende beschäftigte er sich mit dem Thema Betrug und mit der Frage, was wir eigentlich für wahr oder falsch halten. Ausgangspunkt waren aktuelle gesellschaftliche Debatten, die gestalterisch untersucht wurden, etwa durch Fälschungen oder digitale Formate wie Webseiten, die nicht das waren, was sie zu sein schienen.

Daneben arbeitet Stefan gemeinsam mit Christin Heinze an der Rundgangskommunikation: Ein kleines Team von Studierenden entwickelt Plakate und Online-Medien und funktioniert dabei wie ein kleines Designstudio innerhalb der Hochschule. Im Projekt „6×6“, das in Zusammenarbeit mit Prof. Jan St. Werner vom Folkwang Pop-Institut entstand, treffen jeweils sechs Design- und sechs Musikstudierende aufeinander und entwickeln in Tandems Performances, in denen Grafik und Musik zusammenfinden. Ergänzt wird das Programm durch ein Werkstattprojekt mit Prof. Ralf de Jong – einen Pop-up Weihnachtsmarkt, für den Studierende Papeterie-Produkte entwarfen, produzierten und verkauften.

Im Sommersemester 2025 bot Stefan einen Kurs an, in dem die Studierenden selbst Firmen kontaktierten, um Plakate für reale Auftraggeberinnen zu gestalten. Fake-Projekte waren dabei bewusst keine Option. Warum so tun, als würde man für eine Marke arbeiten, wenn man auch reale Aufträge umsetzen kann? Umso überraschender war es, dass am Ende wirklich jede Person einen echten Auftrag hatte. Natürlich lief nicht alles reibungslos – Kund*innen meldeten sich nicht, änderten ihre Meinung oder verschwanden zwischendurch –, aber genau das gehört dazu. Entstanden sind Arbeiten, die tatsächlich produziert und benutzt wurden, und genau das war für Stefan der entscheidende Punkt.

Edit

Was möchtest du den Studierenden mit deinen Projekten vermitteln?

Stefan ist eine interdisziplinäre Denkweise sehr wichtig. Er möchte vermitteln, dass man im Gestaltungsprozess frei überlegen kann, welches Medium sinnvoll ist. Außerdem geht es ihm stark um Konzepte. Gerade im Kontext von KI sind kluge Ideen das, was uns unterscheidet. Formale Aspekte sind wichtig, aber das Konzept ist entscheidend. Stefan möchte das Denken über Gestaltung fördern, sowie den Dialog darüber.

Wie vermittelst du deine Lehrinhalte konkret?

Stefan versteht sich als Begleiter, Moderator und Coach. Während seiner Lehre ist er möglich viel präsent, arbeitet dialogisch und begleitet Prozesse kontinuierlich. Oft startet er mit Impulsen und Recherchen, aus denen sich Projekte entwickeln. Fachliches Wissen streut Stefan entlang des Weges ein.

Edit

Magst du etwas über deinen Hintergrund erzählen?

Ursprünglich kommt Stefan aus dem Musik- und Bewegtbildkontext, er hat an der UdK Berlin studiert und viele viele Jahre Kommunikationsdesign gemacht, vor allem für kulturelle Auftraggeber*innen. Dabei sind Plakate eine Konstante in seiner Arbeit. Später kamen Ausstellungsdesign, Typografiegeschichte und eine Siebdruckerei für Kunstdrucke hinzu, schließlich dann ein Verlag für experimentelle Druckgrafik. Heute liegt sein Schwerpunkt in der Lehre.

Woran arbeitest du aktuell?

Stefan arbeitet aktuell an einem Buchprojekt, einem Fotokatalog zum Thema Altersarmut mit begleitender Ausstellungsgestaltung. Daneben laufen kontinuierlich künstlerische Editionen und Kollaborationen in seiner Siebdruckwerkstatt in Berlin.

https://www.handsiebdruckerei.de

Anmerkung der Redaktion:
Am 23.01.2026 um 18:00 Uhr findet die Eröffnung der Ausstellung des Projektkurses ›Betrug‹ sowie die Vorstellung der Kursergebnisse des Kurses "6 x 6" zusammen mit Prof. Jan St. Werner im SANAA-Gebäude auf Zollverein statt. Mehr dazu in Kürze hier auf der Website.


Credits:
Das Interview führte Sophia Stenzel.
Bilder: Stefan Guzy

Edit
Universität der Künste